PLTH2023: “It’s the economy, stupid!” Sozioökonomische Bildung im Unterricht

„Was ist gute ökonomische Bildung?“ Diese kontroverse wie relevante Frage stellte den Ausgangspunkt des dritten hessischen Politiklehrer:innentages dar. 85 Kolleg:innen aus ganz Hessen versammelten sich am 10. Oktober in den Räumen der Evangelischen Akademie Frankfurt, um darüber zu diskutieren und in den Austausch zu treten. Insbesondere die sozioökonomische Bildung als Konzept, das integrativ und multiperspektivisch von der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler ausgeht, stand im Zentrum des Tages.

Prof. Dr. Till van Treeck (Universität Duisburg-Essen) eröffnete den Tag mit einem Vortrag, in dem er anhand der Arbeitszeitdebatte nachzeichnete, welche pluralen Perspektiven wirtschaftswissenschaftliche Theorien – von neoklassischen bis zu feministischen Ansätzen – auf diese Debatte gewähren. Er plädierte dafür, die intradisziplinären Perspektiven der Wirtschaftswissenschaften und ihre Kontroversen als solche nicht außer Acht zu lassen.

Prof. Dr. Till van Treeck erläutert in seinem Vortrag intradisziplinäre Perspektiven auf die Arbeitszeitdebatte | Foto: Fabian Welsc
Die Hessische Landeszentrale für politische Bildung war mit einem Informations- und Büchertisch präsent | Foto: Philipp Klingler
Prof. Dr. Susann Gessner eröffnet den Politiklehrer:innentag | Foto: Fabian Welsch
Hanna-Lena Neuser begrüßt als Direktorin der Evangelischen Akademie die Politiklehrkräfte | Foto: Fabian Welsch

In sechs Workshops lernten die Kolleg:innen anschließend Methoden, Materialien und Ansätze der (sozio-)ökonomischen Bildung genauer kennen.

Im Workshop „Politiken der Arbeit – mehr als nur Arbeitsmarktpolitik“ von Dr. Andreas Füchter widmeten sich die Teilnehmenden dem Zusammenhang von Arbeit und Demokratie. Für die unterrichtliche Praxis wurde herausgearbeitet, dass Schüler:innen ein breites Verständnis von Arbeit haben: Nicht nur Geld und finanzielle Zwänge sind für sie dabei von Relevanz, sondern vor allem auch Anerkennung. Für den Politikunterricht wurden darauf aufbauend Kontroversen zur Zukunft der Arbeit auf den Ebenen passiver, aktiver und aktivierender Arbeitsmarktpolitik sowie der Beschäftigungspolitik diskutiert, wie sie sich etwa beim Bedingungslosen Grundeinkommen, dem Fachkräftemangel, Fragen von „Fördern und Fordern“ oder der Herstellung fairer Wettbewerbschancen für benachteiligte Arbeitnehmer:innen zeigen. Abschließend zeigte der Workshop an Beispielen innerhalb wie jenseits der Erwerbsarbeit auf, wie die politische Gestaltung von Arbeit und der Arbeitswelt im Unterricht thematisiert werden kann.

Der Workshop „Die politische Ökonomie der Migration im Unterricht behandeln“, geleitet von Holger Oppenhäuser von attac, erschloss das Bildungsmaterial („Wirtschaft demokratisch gestalten lernen“, erschienen im Wochenschau Verlag) der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation, indem einzelne Methoden erprobt wurden. So begann der Workshop mit dem Sammeln von Beweggründen für Flucht und Migration. An das Zusammentragen von Fluchtursachen schloss sich die Erprobung eines Rollenspieles und eine Reflexion dessen an.

Philipp Matern von der Deutschen Bundesbank gestaltete einen Workshop zu den aktuellen Herausforderungen der EZB-Geldpolitik. Dabei wurde die Geldpolitik als Teil der Wirtschaftspolitik in ihren Ausgestaltungsmöglichkeiten und Bedingungen vorgestellt und vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Herausforderungen und Veränderungen – wie dem Klimawandel und Kryptowährungen – diskutiert. Auch wurden die Finanz- und Eurokrise sowie die Maßnahmen und Handlungsmöglichkeiten der Europäischen Zentralbank kritisch thematisiert.

Im Workshop von Lars Zipfel von der Joachim-Herz-Stiftung ging es um den Einsatz digitaler Planspiele. Der Einsatz von Planspielen zur ökonomischen Bildung wurde zunächst einführend und dann bezogen auf das Angebot der Stiftung vorgestellt. Die Stiftung bietet drei Planspiele und weiteres Unterrichtsmaterial an. Während des Workshops haben die Teilnehmenden einen groben Überblick über den Aufbau und die Möglichkeiten des Planspiels „Ecoland“ erhalten. Anschließend konnten sie eine Spielrunde selbst durchlaufen.

Dr. Andreas Füchter diskutiert mit Teilnehmenden den Zusammenhang von Arbeit(swelt) und Demokratie | Foto: Jonathan Vogt
Holger Oppenhäuser stellt Bildunsmaterial von attac vor | Foto: Jana Gürke
Marcel Beyer thematisiert die Vielfalt in ökonomischen Theorien | Foto: Christoph Bauer
Wie können Planspiele in der ökonomischen Bildung eingesetzt werden? | Foto: Mirjam Durchholz

Marcel Beyer plädierte in seinem Workshop „Sozial-ökologische Transformation: Zukunftsfähig wirtschaften im Kontext sozialwissenschaftlicher Bildung“ für eine Vielfalt ökonomischer Perspektiven im Kontext sozioökonomischer Bildung. Exemplarisch wurde der Begriff des „Marktes“ – entgegen einer Verkürzung auf ein einfaches Angebots-Nachfrage-Verhältnis, wie es in Schulbüchern häufig zu finden ist – kritisch beleuchtet. Der Referent hat anschließend exemplarisch Inhalte der mit Valentin Sagvosdkin entwickelten WOCHENSCHAU-Hefte „Ökonomische Theorien“ und „Zukunftsfähiges Wirtschaften. Denken und Handeln“ für die Sekundarstufe II vorgestellt.

Florian Cöster  und Dr. Frank Heisel haben gemeinsam unter dem Titel „Wohnen: Eine soziale Frage? Ökonomische Unterrichtsthemen unter sozialwissenschaftlicher Perspektive“ einen Workshop gestaltet, der die Wohnungsfrage in das Zentrum einer auf sozioökonomische Bildung ausgerichteten Unterrichtseinheit rückte. Ausgehend von der Lebenswelt der Schüler:innen wurde die methodische Umsetzung ebenso diskutiert wie der Anspruch der Subjekt- und Problemorientierung. Die Referenten brachten eine entwickelte Unterrichtseinheit in den Workshop ein, um daran die Verwirklichung dieser Ansprüche zu diskutieren.

Für den Abschluss des Tages gewährte Prof. Dr. Birgit Weber (Universität zu Köln) einen Einblick in ihre Forschungsergebnisse zur curricularen Verortung und Ausgestaltung der (sozio-)ökonomischen Bildung in Hessen und darüber hinaus. Diesen Ergebnissen vorangegangen war ein historischer wie konzeptueller Abriss, der aufzeigte, wie sich die sozioökonomische Bildung entwickelte und was sie von ‚klassischer‘ ökonomischer Bildung unterscheidet. Frau Weber stand anschließend neben Dr. Subin Nijhawan (Goethe-Universität Frankfurt) und Nicole Krüger (Netzwerk Ökonomische Bildung) im Rahmen eines Podiumsgespräches Rede und Antwort. Dabei wurden Fragen der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte, der Zusammenhang von guter ökonomischer Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung und die Potenziale einer allgemeinbildenden ökonomischen Bildung diskutiert.

Florian Cöster und Dr. Frank Heisel reflektieren mit den Teilnehmenden eine Unterrichtseinheit zum Wohnungsmarkt unter dem Blickwinkel sozialwissenschaftlicher Fragestellungen | Foto: Friederike Müller
Podiumsgespräch zu Fragen (sozio-) ökonomischer und politischer Bildung | Foto: Jana Gürke
Prof. Dr. Birgit Weber stellt Ergebnisse ihrer Forschung vor | Foto: Philipp Klingler
Wie politisch sind ökonomische Themen im Politikunterricht? Auch darüber wurde debattiert. | Foto: Philipp Klingler

Informationen zu den Referent:innen

Marcel Beyer ist ausgebildeter Lehrer für das Fach „Politik und Wirtschaft“ und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Sozialwissenschaften und ihre Didaktik an der Universität Bielefeld.

Florian Cöster ist Lehrkraft für die Unterrichtsfächer “Politik und Wirtschaft” sowie “Deutsch” an der Kurt-Schumacher-Schule Karben (Kooperative Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe).

Dr. Andreas Füchter ist Lehrer, ist Fachleiter am Studienseminar für Gymnasien Heppenheim und Lehrbeauftragter an der TU Darmstadt. Er ist Autor mehrerer Schulbücher und fachdidaktischer Beiträge zum politischen Lernen.

Dr. Frank Heisel unterrichtet an der Kurt-Schumacher-Schule Karben die Unterrichtsfächer “Politik und Wirtschaft” sowie “Spanisch”.

Nicole Krüger ist Lehrerin für die Fächer Musik, Ethik und Politik-Wirtschaft an einer Gesamtschule in Darmstadt. Sie ist außerdem abgeordnet, um das Netzwerk Ökonomische Bildung zu unterstützen.

Dr. Subin Nijhawan ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Lehrkraft am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium Frankfurt. Promoviert hat er zum mehrsprachigen Unterricht in Politik & Wirtschaft. Seine Unterrichtsfächer sind Englisch und Politik & Wirtschaft (insbesondere bilingual).

Holger Oppenhäuser ist promovierter Politologe und koordiniert im Bundesbüro von Attac Deutschland die Erstellung von Bildungsmaterial.

Dr. Till van Treeck ist Professor für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Einkommensverteilung aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive, Wirtschaftspolitik und (sozio-)Ökonomische Bildung.

Dr. Birgit Weber ist Professorin für Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt ökonomische Bildung an der Universität zu Köln. Sie ist u. a. Mitherausgeberin des Journal of Social Science Education und der zeitschrift für didaktik der gesellschaftswissenschaften, Mitgründerin des Instituts für Verbraucherwissenschaften, Projektgruppenmitglied KMK-BMZ Orientierungsrahmen Globale Entwicklung für die GO sowie Facharbeitskreisleitung (Wirtschaft).

Lasse Zipfel ist Studienrat an der Beruflichen Schule Elmshorn und unterrichtet in den Abteilungen Berufliches Gymnasium und Berufsfachschule III für kaufmännische Assistenten. Zudem ist er Planspielkoordinator der Joachim Herz Stiftung in Schleswig-Holstein.

Kooperationspartner und Unterstützer

Evangelische Akademie Frankfurt